Warum gewinnen wir den Eurovision Song Contest nicht mehr

Es war mal wieder Eurovision Song Contest und wieder einmal haben wir nicht gewonnen. In diversen Marketingabteilungen beginnt nun die Ursachenforschung. Warum hat der Song von Levina so desaströs abgeschnitten? Machen wir doch auch einmal eine Ursachenforschung, die allerdings erstens nicht ganz ernst zu nehmen ist, weil subjektiv und zweitens von mir kommt, der diese ganze Eurovisions-Grütze mehr als seltsam findet.

Levina
Levina (Screenshot aus Youtube)

Was ist der ESC eigentlich?

Der Eurovision-Song-Contest ist ein freundschaftlicher Wettbewerb zwischen diversen (europäischen) Musikschaffenden, welcher von 72 Rundfunksendern aus der EBU (european broadcasting union) organisiert wird. Da 72 Künstler eindeutig zuviel wären, gibt es Halbfinales und Viertelfinales, bei denen dann diverse Acts vor der eigentlichen Haupt-Show schon herausfliegen. Oft nehmen Sender und damit auch Musiker auch gar nicht an den Veranstaltungen teil, teils aus finanziellen und teilweise auch aus politischen Gründen. Bezahlt wird der ganze Spaß durch Deutschland, Spanien, Italien, UK und Frankreich. Diese Länder (aka Big Five) sind also automatisch immer bei den Veranstaltungen für die Haupt-Show qualifiziert. Auch das finden einige andere Länder irgendwie doof. 

In Deutschland wählen wir den tatsächlichen ESC-Song in einer Art Casting-Show, bei dem der tatsächliche Gewinnertitel der Song wird, der dann auf dem ESC aufgeführt wird. Diese Veranstaltungen sind selbst schon aufwändig präsentiert und am Ende haben wir dann "Unser Star für Oslo!" oder "Unser Star für Kiew" oder sonst etwas.

Wie kommt Levina nun da hin?

Levina hatte nun die Sendung "Unser Song 2017" durch telefonisches Voting gewonnen und sich gegen Acts wie Axel Feige oder Yosefin Buohler durchsetzen. Der Song "Perfect Life" gewann. Und spätestens jetzt kommen wir so langsam in die Beweisführung, warum das Ding überhaupt nicht gewonnen werden konnte: Kennt irgendwer die anderen Acts oder auch Levina?

Charts und Quoten

Die höchste gemessene Chartplatzierung von Perfect Life war der Platz 28 in den Charts. Man kann Levina selbst übrigens keinen Vorwurf für die schlechte Plazierung des Song machen. Die Frau ist als Sängerin über jeden Zweifel erhaben aber der Song ist so seicht und austauschbar wie jeder dullige EDM-Kracher der letzten 4 Jahre auch. Geschrieben wurde Perfect Life von Lindsey Ray, Dave Bassette und Lindy Robbins - allesamt übrigens auch Songwriter für dullige EDM-Artists. Das ist im Grunde jetzt auch nichts schlechtes, aber eben nicht wirklich originell.

Früher musste man als Künstler unfassbar viele Tonträger (CDs, Platten, Kassetten) verkaufen, um überhaupt in den Top 100 aufzutauchen. Der Markt hat sich hier aber geändert. Tatsächlich reichten bereits 2008 aber lächerliche 5000 verkaufte CDs, um in die Top 10 in Deutschland zu kommen. Wir sind nun aber ja im Jahr 2017 - vermutlich reichen heute noch viel weniger CDs. Das Ding war aber "nur" Platz 28 also sagt mir mein Gefühl, dass die Single jetzt nicht so wirklich häufig verkauft wurde.

Publikum in Vorauswahl vs. Publikum im Contest

Das Publikum eines Vorentscheids unterscheidet sich komplett von dem Publikum des eigentlichen ESC. Das schlägt sich zum einen in den berühmtem Zielgruppen-Analysen nieder aber eben auch bei den reinen, nackten Zahlen. Wenn der eigentliche ESC im TV läuft, bleibe ich dort hängen. Vom Vorentscheid habe ich ganz offiziell übrigens gar nichts mitbekommen. So ähnlich geht das auch den Leuten, die mir bei Twitter folgen und denen ich folge.

Castingscheiss

In Deutschland sind wir übersättigt von The Voice, DSDS, Supertalent, VoiceKids und Popstars. Wenn einer in Deutschland so eine Sendung gewinnt, wissen wir alle vorher schon, dass den Gewinner eine Woche später keiner mehr kennt. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Australien ist so eine Sendung tatsächlich karriereverändernd. Die Leute da feiern die Stars dort ab und am Ende sind das auch wirklich Stars in diesen Ländern. Dort ist das Ansehen des Contests auch viel höher als hier. 

Ansehen des ESC

Für mich und viele andere ist der ESC eine Spaßveranstaltung ohne künstlerischen Mehrwert. Wir kennen die Künstler meistens vorher nicht, die Leute sind uns auch alle egal. Die Songs haben wir nie vorher gehört und eigentlich war der ESC eh nur dann gut, als Deutschland die ganze Show auch wirklich nur wie einen großen Spaß behandelt hat. Alle vermissen den Raab oder den Horn denn für Deutschland ist der ESC ein Grund, Trinkspiele zu spielen oder endlich mal viele schwule Männer zu treffen.

Für Portugal oder Australien ist der ESC aber eben vor allem eines: ein Internationales Musikfestival. Oft erkennt man, dass hier seltsame Musik präsentiert wird, zumindest sind die Songs aber wirklich interessant produziert oder sehr interessant vorgetragen worden. 

Wie kann Deutschland den ESC gewinnen?

✔ Verzicht auf Telefonvoting
✔ Schickt doch Leute, die man wenigstens in Deutschland kennt
✔ Schickt doch Leute, die nicht nur gute Sänger sind, sondern auch noch wirklich performen können. Rampensäue!

Der wichtigste Punkt ist aber: ✘nehmt Scooter. - die sind gerade in den östlichen Europaländern total beliebt.

Spaß beiseite. Ich verstehe die Leute im Fernsehen nicht. Die sind immer alle total überrascht, wenn der Song floppt. Da stehen dann Leute im TV und sagen: "Die hat aber ja total hübsch gesunden und ich verstehe gar nicht, warum sie jetzt verloren hat". Die Medienmenschen müssen echt mal Abstand gewinnen. Nur weil das Publikum dumm ist und total langweiligen Einheitsbrei wählt, heißt das noch nicht, dass der Song auch wirklich gut ist, denn das war der Song nicht. Levina singt super, Jaques Houdek aus Kroatien singt aber besser. Und - Salvador Sobral aus Portugal - singt tatsächlich noch mal besser. Gerade wenn man das Ding noch einmal in Ruhe anhört.

Warum hat Portugal überhaupt gewonnen?

Salvador Sobral hat im Gegensatz zu allen anderen Acts einen wirklich, wirklich ruhigen Song präsentiert. Während jeder andere Song so klang, als käme er aus dem Musicmakerconstructionkit, war dieses Ding eine ruhige Jazzballade, die dann auch noch absolut perfekt und fehlerfrei vorgetragen wurde. Man konnte gar nicht anders, als Sobral einfach nur zuhören. Es gab keine Pferdeköpfe und Bühnensets, die aussahen wie ein Gloryhole-Video. Es gab auch keine bekloppten Gorillas oder alberne nackte Männer, die im Wasser platschten. Und wer außer mir musste an Barney Stinson denken, als die Schweden auftragen? Das gab es im deutschen Beitrag alles nicht. Aber wenn man sich Levina über Kopfhörer noch anhört, merkt man, sie war am Anfang unsicher. Dann war der Song eben nicht wirklich originell. Die Spanier waren halt noch schlechter, weil da der Song einfach nur gruselig war.

Author: Marcel Schindler on 2017-05-15